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Studie: Für Geringverdiener lohnt sich zusätzliche Arbeit zu wenig

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Für Gering- sowie Zweitverdiener in Deutschland lohnt es sich wegen anfallender Steuern und Abgaben kaum, mehr zu arbeiten. Das geht aus einer am Dienstag vorgestellten Studie des Ifo-Instituts für die Bertelsmann Stiftung hervor. „Das Steuer- und Sozialversicherungssystem in Deutschland setzt falsche Anreize“, besonders für Frauen, kritisierte die Stiftung. Sie forderte eine „Einschränkung von Minijobs“ sowie Reformen bei Hinzuverdienstregelung und Ehegattensplitting.

Die Ifo-Forscher hatten für typische Haushaltskonstellationen das individuelle Bruttoeinkommen und den in Form verschiedener Abgaben wegfallenden Anteil berechnet. Das Ergebnis: Für Geringverdiener „ist es finanziell kaum interessant, Vollzeit zu arbeiten“. Alleinstehende Kinderlose mit Niedriglohn behalten bei einem zusätzlichen Bruttolohn von zehn Euro pro Stunde demnach nur zwischen 2,50 und 3,90 Euro netto übrig. 

Für alleinerziehende Geringverdiener mit zwei Kindern, meist Mütter, „rechnet sich bereits eine Beschäftigung über einen Kleinstjob mit 100 Euro im Monat hinaus kaum“, erklärte das Ifo-Institut. Ihnen bleiben laut Untersuchung bei der Aufnahme eines Minijobs am Ende nur 38 Prozent ihres zusätzlichen Einkommens oder rund 2000 Euro jährlich. Bei einem Teilzeitjob sind es 29 und bei einem Vollzeitjob 39 Prozent – das entspricht bei 40 Wochenstunden rund 8000 Euro im Jahr.

„Die Ursache ist ein fatales Zusammenwirken von Steuern, Abgaben und dem Entzug von Sozialleistungen“, erklärte Studienautor Andreas Peichl. „Dieser Systemfehler muss beseitigt werden.“ Bertelsmann-Vorstandsmitglied Jörg Dräger kritisierte, die „Hürden, eine Arbeit aufzunehmen“, seien gerade im Niedriglohnsektor zu hoch. „Derzeit tragen Beschäftigte, die es ohnehin auf dem Arbeitsmarkt schwer haben, eine besonders große Last.“ Dräger forderte, insbesondere „Frauen und Mütter aus der Falle der Kleinst- und Minijobs zu befreien“.

„Minijobs sind auf Dauer Mist. Sie sind unsicher und für die Betroffenen zu oft Einbahnstraße“, kritisierte auch SPD-Fraktionsvize Katja Mast. Ebenso wie Linken-Chef Bernd Riexinger sprach sie sich für mehr sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse aus. Riexinger forderte die Bundesregierung auf, eine entsprechende Strategie zu entwickeln und außerdem die Allgemeinverbindlichkeit schützender Tarifverträge auszuweiten. 

„Die Einschränkung von Minijobs ist der falsche Weg“, erklärte dagegen der sozialpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober. Sie seien angesichts allgemeinen Arbeitskräftemangels „attraktiv für alle Seiten“ und in bestimmten Branchen und Regionen „unverzichtbar“.

Bei Ehepaaren werden die Zweitverdiener laut Ifo-Studie ebenfalls mit hohen Abgaben belastet, wenn sie in Teil- oder Vollzeit arbeiten. Verdient ein Partner beispielsweise jährlich 48.000 Euro brutto, bleiben der oder dem Hinzuverdiener demnach bei einem Stundenlohn von zehn Euro brutto und einem Minijob mit zehn Wochenstunden am Ende 5.400 Euro. Bei einem Teilzeitjob mit 20 Wochenstunden sind es nur rund 6300 Euro.

Das Steuersystem sei hier „nicht gerecht, und es ist kein Anreiz insbesondere für Frauen, mehr zu arbeiten“, erklärte Peichl. Von 7,6 Millionen Ehefrauen im Erwerbsalter haben laut Ifo-Institut sechs Millionen ein geringeres Einkommen als ihr Mann und sind demnach Zweitverdienerinnen. „Beitragsfreie Familienversicherung, Ehegattensplitting und Minijobs verfestigen überholte Rollenmuster in den Familien und verhindern vielfach ein eigenständiges Erwerbsleben von Frauen“, kritisierte Anja Piel, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB).

© Agence France-Presse




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