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Regierung will Bewertung der Corona-Lage auf breitere Datengrundlage stellen

Copyright AFP/Archiv NORBERTO DUARTE

Die Bundesregierung will künftig bei der Bewertung der Corona-Lage in Deutschland mehr Faktoren berücksichtigen. Bislang war der Inzidenzwert das Hauptkriterium – also der Sieben-Tage-Schnitt der festgestellten Infektionen. Künftig soll zusätzlich die Zahl der coronabedingten Krankenhaus-Einlieferungen stärker berücksichtigt werden, wie das Bundesgesundheitsministerium am Montag mitteilte. Dieses zusätzliche Kriterium könnte praktische Auswirkungen haben bei der Frage weiterer Lockerungen oder Verschärfungen der Corona-Maßnahmen.

Hintergrund der Änderung ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Deutschland gegen Corona immunisiert sind – entweder durch eine Impfung oder durch eine überstandene Infektion. Immunisierte Menschen können sich zwar durchaus noch mit dem Virus anstecken, ein schwerer Verlauf samt Krankenhausbehandlung ist bei ihnen aber sehr unwahrscheinlich. Dadurch büßt das Virus bei dieser – immer größer werdenden – Personengruppe deutlich an Gefährlichkeit ein.

Der Inzidenzwert ist bei vielen Corona-Regelungen bislang der wichtigste Faktor – etwa bei der so genannten Bundesnotbremse. Ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) stellte am Montag allerdings klar, dass die Sieben-Tage-Inzidenz weiterhin ein „hauptausschlaggebender Faktor“ bleibe. Sie gebe Auskunft etwa über das regionale Ausbruchsgeschehen oder neue Trends. 

Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung unter Berufung auf eine interne Präsentation des Robert-Koch-Instituts (RKI) berichtet, dass es „weiterhin mehrere Indikatoren zur Bewertung geben solle, aber sich die Gewichtung der Indikatoren untereinander ändere. 

Das Institut begründe die Hinzunahme der Hospitalisierung demnach mit den „Konsequenzen zunehmender Grundimmunität“. Dem Bericht zufolge rechnet das RKI mit einer „Abnahme des Anteils schwerer Fälle“ und fordert daher einen „stärkeren Fokus auf die Folgen der Infektion“.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, Deutschland befinde sich dank der Impfungen und der Vorsichtmaßnahmen „in einer recht guten Lage“. Die Menschen könnten wieder vieles genießen. „Das heißt aber alles nicht, dass wir schon in einer Situation der Normalität wären.“ Der Blick in die Nachbarländer mache klar, dass die niedrigen Fallzahlen „schnell wieder explodieren könnten“. 

Mit einer gewissen Verzögerung könnten wieder mehr Menschen krank werden. „Natürlich hat das Impfen die Gesamtrechnung verändert“, sagte der Regierungssprecher. „Aber wir sind noch nicht ausreichend gewappnet, für den Fall, dass die Zahlen wieder stark ansteigen.“

Minister Spahn zeigte sich derweil besorgt über das nachlassende Tempo bei der Corona-Impfkampagne. Am Sonntag seien insgesamt lediglich 221.720 Impfungen verabreicht worden – „so wenig Erstimpfungen wie gestern hatten wir zuletzt im Februar“, schrieb Spahn am Montag auf Twitter. 

„Anders als im Februar ist nun aber genug Impfstoff da“, schrieb Spahn weiter. Er richtete einen Appell an die Bürgerinnen und Bürger: „Es bleibt dabei: Bitte impfen lassen!“

Bis Sonntag hatten laut Spahn rund 35,4 Millionen Bürgerinnen und Bürger den vollen Impfschutz – dies entspricht 42,6 Prozent der Bevölkerung. Mindestens einmal geimpft waren 48,6 Millionen – oder 58,5 Prozent.

Zuletzt hatte es wiederholt Forderungen aus der Politik gegeben, dem Inzidenzwert weniger Bedeutung in der Corona-Politik beizumessen. FDP-Generalsekretär Volker Wissing sagte am Montag in RTL und n-tv: „Allein auf die Inzidenz zu schauen, das ist sicher nicht richtig.“ Er forderte: „Wir müssen auch darauf achten, wie viele Menschen überhaupt hospitalisiert werden müssen.“

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft begrüßte die Pläne, die Corona-Schutzmaßnahmen nicht mehr allein von Inzidenzwerten abhängig zu machen. „Ich halte es für absolut vernünftig, auch die Krankenhausbelegung einzubeziehen, um die Gefahren der Pandemie einzuschätzen und entsprechende praktische Schutzmaßnahmen zu ergreifen“, sagte ihr Hauptgeschäftsführer Gerald Gaß dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). 

Quelle: AFP

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