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England hebt trotz steigender Corona-Zahlen fast alle Beschränkungen auf

Copyright POOL/AFP/Archiv DANIEL LEAL-OLIVAS

Während Großbritanniens Premierminister Boris Johnson seinen „Tag der Freiheit“ in Quarantäne verbrachte, feierten Nachtschwärmer in den wieder eröffneten Diskotheken das Ende von Maskenpflicht und Zwangsabstand: Trotz steigender Infektionszahlen gelten seit Montag in England fast keine Corona-Beschränkungen mehr. Wissenschaftler sind über das Vorgehen der Regierung irritiert.

In der Nacht zum Montag trat der Beschluss der Regierung in Kraft, wodurch in England unter anderem die Maskenpflicht und Abstandsregeln wegfielen. Auch Diskotheken dürfen wieder öffnen, Theater und Sportstadien sämtliche Plätze besetzen. Die Empfehlung zum Homeoffice wurde ebenfalls aufgehoben. Stattdessen setzt die Regierung auf die Eigenverantwortung der Menschen. 

Ausnahmen gelten in London, wo Bürgermeister Sadiq Khan von der Labour-Partei einen strikteren Corona-Kurs beibehalten will als die Zentralregierung. Auch in den in der Gesundheitspolitik eigenständigen Landesteilen Wales und Schottland bleiben die bisherigen Restriktionen zunächst bestehen.

Die Regierung des konservativen Premierministers Johnson hatte den hochumstrittenen Öffnungsschritt mit der hohen Impfquote im Land begründet. Mehr als zwei Drittel der Erwachsenen sind bereits vollständig geimpft. 

Am Vortag des „Tags der Freiheit“ verteidigte Johnson den Öffnungsschritt in einer auf Twitter veröffentlichten Videobotschaft. „Wenn wir es jetzt nicht tun, müssen wir uns fragen, wann wir es jemals tun werden“, sagte der Regierungschef. „Dies ist also der richtige Moment, aber wir müssen es vorsichtig angehen.“ 

Johnsons für das Impfprogramm zuständiger Minister Nadhim Zahawi sagte dem Sender Sky News, er sei überzeugt, dass die Regierung „das Richtige“ tue. Der BBC sagte er aber gleichzeitig, er selbst würde in überfüllten Innenräumen weiterhin eine Maske tragen.

Dass nicht alle so eigenverantwortlich handeln werden wie Zawahi, zeigte sich bereits in der Nacht zum Montag im nordenglischen Leeds. Vor der Diskothek „Fibre“ wartete eine lange Schlange auf Einlass, die Tanzfläche war voll – und es waren nur wenige Masken zu sehen. „Ich sagte mir, warum nicht feiern?“, sagte Nachtschwärmerin Nicola Webster Calliste. „Wir haben schon Silvester verpasst.“

Bereits jetzt breitet sich die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus in Großbritannien stark aus. Zuletzt überschritt die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 50.000. Weltweit liegt das Land damit wieder an dritter Stelle hinter Indonesien und Brasilien. 

Großbritannien verzeichnet inzwischen zwar deutlich weniger Todesfälle als in früheren Corona-Wellen, doch die Zahl der Krankenhauseinweisungen nimmt wieder zu. Ein starkes Ansteigen der Fallzahlen würde nach Angaben von Medizinern den Gesundheitsdienst NHS unter Druck setzen. 

Der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College London warnte, Großbritannien könnte wegen der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante schon bald 100.000 neue Fälle pro Tag verzeichnen. „Die eigentliche Frage ist, ob wir auf das Doppelte oder noch höher kommen. Und das ist der Punkt, an dem die Kristallkugel zu versagen beginnt“, sagte er der BBC.

Die Entscheidung der Regierung sei von „moralischer Leere und epidemiologischer Dummheit“ geprägt, sagte der Gesundheitsexperte Gabriel Scally von der Universität Bristol.

Kritik an der Regierung kam auch aus den eigenen Reihen. Downing Street sollte von Israel und den Niederlanden lernen, sagte der konservative Abgeordnete und ehemalige Gesundheitsminister Jeremy Hunt. Die beiden Länder hatten angesichts eines Anstiegs der Infektionsfälle Lockerungen wieder rückgängig machen müssen. „Die Warnleuchte auf dem Armaturenbrett des NHS blinkt nicht gelb, sie blinkt rot“, sagte er der BBC.

Eine der Regeln, die in Kraft bleiben, ist die verpflichtende Selbstisolation nach Kontakt zu einem Infizierten. Dies betrifft derzeit auch Johnson und Finanzminister Rishi Sunak, die Kontakt zu dem an Corona erkrankten Gesundheitsminister Sajid Javid hatten. 

Quelle: AFP

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